03. 11. 2017

Große Sorgfalt bei Einfuhr von Risikopflanzen

Mitarbeiter des gärtnerischen Fachhandels können beim Zukauf von Pflanzen nur bedingt eine visuelle Kontrolle auf Xylella durchführen. Foto: BdB
Erstellt von Daniela Sickinger / TASPO Online

Thema Xylella
Bei Pflanzen aus Regionen, in denen Xylella fastidiosa aufgetreten ist, erwägt Großbritannien ein Importverbot. Welche Möglichkeiten hat die Grüne Branche noch, um sich vor der gefürchteten Pflanzenkrankheit zu schützen? Marius Tegethoff, Bereichsleiter Produktion/Qualitätssicherung beim Bund deutscher Baumschulen (BdB), über die Möglichkeiten der Grünen Branche, sich vor der gefürchteten Pflanzenkrankheit zu schützen.

Wie kann sich der gärtnerische Fachhandel vor einer Einschleppung von Xylella fastidiosa schützen?

Marius Tegethoff: Xylella fastidiosa weist eine stark ausgeprägte genotypische Variabilität auf. So sind allein in Europa bereits vier unterschiedliche Unterarten des Bakteriums an verschiedenen Wirtspflanzenkreisen identifiziert worden. Aufgrund dieser Tatsache kann der gärtnerische Einzelhandel nur sehr eingeschränkt eine Ein- beziehungsweise Verschleppung von Xylella fastidiosa durch reine visuelle Kontrollen an zugekaufter Ware verhindern. Der Bund deutscher Baumschulen beschäftigt sich bereits seit geraumer Zeit intensiv mit der Thematik und hat aus diesem Grund das Julius Kühn-Institut (JKI) bei der Erstellung eines Informationsflyers zur bakteriellen Pflanzenkrankheit unterstützt.

Neu zugekaufte Pflanzen im Sortiment, welche im Anhang 1 des Durchführungsbeschlusses EU (2015/789) der Europäischen Kommission und/oder auf der EU-Wirtspflanzenliste gelistet sind, sollten unmittelbar bei der Zufuhr in den Betrieb von den übrigen Pflanzenbeständen separiert und durch den zuständigen Pflanzenschutzdienst begutachtet werden. Dies gilt es insbesondere dann in Betracht zu ziehen, wenn Importe aus Nicht-EU-Ländern oder Zukäufe aus bekannten „Abgegrenzten Gebieten“ geplant sind. Letztere sind in Europa eingerichtete Quarantänezonen, welche sich in Befalls- und Pufferzone gliedern lassen. Gegebenenfalls sollte eine laborgestützte Kontrolle des Materials durchgeführt werden.

Der mit dem JKI erarbeitete Flyer enthält entsprechende Hinweise zur Prüfung des möglichen Wirtspflanzenkreises. Selbiges gilt auch für die aktualisierte Liste der „Abgegrenzten Gebiete“.

Auf welche Befallssymptome müssen Fachhändler beim Pflanzeneinkauf besonders achten?

Marius Tegethoff: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des gärtnerischen Fachhandels können wie bereits erwähnt beim Zukauf von Pflanzen nur bedingt eine visuelle Kontrolle auf Xylella durchführen, da die Symptome unter anderem auch abiotischen Schäden wie Salzschäden oder Sonnenbrand ähneln können.

Besondere Risikopflanzen, die in anderen EU-Mitgliedstaaten mehrfach mit Xylella fastidiosa infiziert waren, müssen mit besonderer Sorgfalt eingeführt werden. Die zuständigen Gremien der Europäischen Kommission beraten aktuell eine Überarbeitung des Durchführungsbeschlusses. In diesem Zusammenhang erwarten wir, dass eine Option auf Deklaration von Arten als Risikopflanzen eingeführt wird. Diese Arten sollte der Fachhändler mit besonders kritischem Auge auf Auffälligkeiten, die beispielsweise Nährstoffmangel- oder Wasserstress-Symptomen ähneln können, prüfen und gegebenenfalls den amtlichen Pflanzenschutz zu Rate ziehen. Der Gesetzgeber wird vom Lieferanten ebenfalls spezifische Prüfverfahren abverlangen. Nach unserem Kenntnisstand werden die Gattungen beziehungsweise Arten Coffea, Lavandula, Nerium oleander, Olea europea, Polygala myrtifolia, Prunus dulcis und Rosmarinus officinalis im ersten Schritt und aufgrund der bisherigen Vorkommnisse in der EU als Risikopflanzen deklariert.

In jedem Fall ist die kritische Überprüfung des Pflanzenpasses erforderlich. Das grundsätzliche Fehlen des Dokumentes sollte zudem misstrauisch machen.

Britische Gartencenter wollen keine Pflanzen mehr aus Regionen kaufen, in denen das Feuerbakterium auftritt. Wie bewerten Sie diese Maßnahme?

Marius Tegethoff: Die von Ihnen geschilderte Maßnahme der britischen Gartencenter ist grundsätzlich nachvollziehbar, dient sie doch einer stringenten Strategie zur Vermeidung einer Einschleppung von Xylella. Der große Wirtspflanzenkreis sowie die genotypische Variabilität von Xylella ermöglichen aus unserer Sicht aber auch eine selektivere Herangehensweise.

So könnte etwa auf den Zukauf von Risikopflanzen aus befallenen Regionen beziehungsweise „Abgegrenzten Gebieten“ verzichtet werden. Selbst der vollständige Verzicht auf Risikopflanzen ist nicht notwendig, wenn der Lieferant (Produzent) und der Käufer die spezifischen Anforderungen an Testungen von Risikopflanzen nach bestem Wissen und Gewissen vor der Verbringung der Ware innerhalb der EU erfüllt haben.

Der pauschale Verzicht kann zur langfristigen Reduzierung der Sortimentsbreite führen, denn letztlich sind viele der für das Gartencenter relevanten Kulturen wie etwa Citrus im Anhang 1 des Durchführungsbeschlusses EU (2015/789) als spezifizierte Pflanzen deklariert.

Hinzu kommt, dass diese Kulturen in der Regel in Ländern produziert werden, in denen vermehrt Xylella identifiziert werden konnte (zum Beispiel Italien, Spanien). Am Ende wird der britische Konsument mit darüber entscheiden müssen, ob er aus phytosanitären Gründen auf entsprechende Kulturen verzichten möchte.

Gesetzt den Fall, in einem Gartencenter oder einer Einzelhandelsgärtnerei wurde eine mit Xylella befallene Pflanze entdeckt: Welche Konsequenzen erwarten den betreffenden Betrieb?

Marius Tegethoff: Ein Betrieb muss je nach festgestellter Situation mit unterschiedlichen Maßnahmen rechnen. Diese werden nicht unwesentlich von der grundsätzlichen Situation im Betrieb beeinflusst. Speziell die Frage, ob Xylella auf Flächen im Freiland oder im geschlossenen System identifiziert wurde, entscheidet über anschließende Maßnahmen. Auch die Prüfung der Herkunft und des Zeitfensters der Anwesenheit der betroffenen Pflanzen im Betrieb spielt eine entscheidende Rolle für das weitere Vorgehen.

Ökonomischer Schaden entsteht in erster Instanz gemäß Artikel 6 (2) des Durchführungsbeschlusses (2015/789) durch die Entfernung von Wirtspflanzen (unabhängig vom Gesundheitszustand), Pflanzen die bekanntermaßen von Xylella befallen sind sowie Pflanzen mit Symptomen, die auf einen möglichen Befall durch Xylella hindeuten und Pflanzen, bei denen ein Befall als wahrscheinlich gilt in einem Radius von 100 Metern um die nachweislich infizierten Pflanzen (Befallszone). In letzter Konsequenz kann die Inspektion des gesamten Pflanzenbestandes zur Bildung eines in der EU gelisteten „Abgegrenzten Gebietes“ führen.

Gemäß Artikel 5 (1) des Durchführungsbeschlusses ist das Anpflanzen von Wirtspflanzen in Befallszonen verboten. Der aktuelle Pufferzonenradius von zehn Kilometern um die Befallszone kann sich in dicht besiedelten Gartenbau-Regionen negativ auf benachbarte Betriebe auswirken.

Wie dringend sind in diesem Zusammenhang ein Entschädigungsfonds beziehungsweise Ausgleichszahlungen für betroffene Betriebe?

Marius Tegethoff: Für produzierende Betriebe ist die Schaffung eines Entschädigungsfonds aus den eben genannten Gründen unerlässlich. Der Ausgleich des reinen Pflanzenwertes bei Vernichtung von befallenen Pflanzen reicht bei Weitem nicht aus, um den Produktionsausfall über fünf Jahre zu kompensieren. Auch Gartencenter und Einzelhandelsgärtnereien können indirekt von einem Entschädigungsfonds profitieren, da finanzielle Ausgleichszahlungen eine effizientere Bekämpfung des Krankheitserregers in den Produktionsbetrieben ermöglichen. Dies gilt umso mehr für Fälle, in denen ein Betrieb unverschuldet in den Radius eines „Abgegrenzten Gebietes“ fällt.

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