11. 04. 2018

Naturschutzbehörden, Nachfrager und Wissenschaft

Gebietsheimisches Saatgut des Gemeinen Schneeballs. Fotos: FSB Oerrel/Th. Böhl

Serie zur Marktsituation gebietsheimischer Gehölze
Teil 2

Aufgrund unzureichend geregelter Zuständigkeit fehlt oft geschultes und eingearbeitetes Personal in den Behörden. Nicht selten ist (nach Angaben führender Ernteunternehmen und Baumschulen) überhaupt niemand verantwortlich für den Aufgabenbereich „gebietsheimische Gehölze“.

Die Beerntung von Vorkommen gebietsheimischer Gehölze ist eine spezielle Profession, bei der es auf langjährige Erfahrung und gute Ortskenntnisse ankommt. Daher wird es für die Naturschutzbehörden enorm schwierig werden, geeignete Vorkommen aufzufinden und zuzulassen, zumal es bislang keinen verbindlichen, länderübergreifenden Kriterienkatalog über die Anforderungen an ein Erntevorkommen gibt. Das in den Behörden vorhandene Wissen über Naturschutzgebiete mit interessanten, möglicherweise seit langem dort vorhandenen Gehölzvorkommen ist tatsächlich nur sehr eingeschränkt nutzbar, da diese Vorkommen häufig nicht für die Saatguternte geeignet sind. Oftmals handelt es sich um alte oder überalterte Vorkommen, welche wenig fruktifizieren, an schlecht erreichbaren Orten stocken oder aufgrund übergeordneter naturschützerischer Belange gar nicht beerntet werden dürfen (Rückzugsgebiete seltener Arten).

Die Forstbehörden der Länder verfügen dagegen durchweg über eine sehr gute Datengrundlage über mögliche Erntevorkommen, da man sich das Thema gebietseigene Gehölze bereits vor mehr als drei Jahrzehnten zu eigen gemacht hat und die Vorkommen auch im Rahmen anderer Maßnahmen (Standortskartierung, Waldfunktionenkartierung, Forsteinrichtung) erfasst worden sind. Eine Zusammenarbeit von Forst- und Naturschutzbehörden, so wie seit kurzem in Nordrhein-Westfalen praktiziert, scheint nicht nur sinnvoll, sondern aus zeitlichen und wirtschaftlichen Gründen dringend geboten.

Zusammenarbeit ja – aber nicht soDie Richtlinien für Zulassung und Beerntung der Vorkommen müssen länderübergreifend identisch sein, da auch die Saatguternter und Baumschulen in der Regel in unterschiedlichen Bundesländern ernten. Angesichts der prekären Situation sollte auf Alleingänge und Sonderlösungen verzichtet werden. Hierbei ist die weitere Untergliederung der sechs Vorkommensgebiete zum Beispiel nach Höhenlage momentan absolut kontraproduktiv, da Ernter und Baumschulen bereits heute ein sehr großes Sortiment (N Arten x 6 Vorkommensgebiete) vorhalten müssen und niemals sicher sein können, ob sie die Ware auch verkaufen können.

Aufgrund mangelnder Informationen über geeignete Erntevorkommen wurde kürzlich von einigen Naturschutzbehörden versucht, diese Daten über die Ernteunternehmen zu gewinnen. Dabei sollten die von den Erntern gemeldeten Vorkommen begutachtet und amtlich zugelassen werden, um eine gesetzeskonforme Ernte zu ermöglichen. Anschließend sollten die Daten über die Vorkommen jedoch in ein öffentliches Register eingebracht werden. Der Misserfolg dieser Idee war abzusehen, da die Ernteunternehmen nicht möchten, dass die Lage „ihrer“ Vorkommen bekannt gemacht wird und die Baumschulen in guten Mastjahren selbst ernten.

Die Naturschutzbehörden sollten daher überlegen, was überhaupt gegen eine nicht öffentliche Zulassung von Vorkommen spricht. Nach Auffassung der Autoren ist genau das der Weg, die in naher Zukunft zu erwartenden Engpässe in der Saatgutversorgung zu verringern, denn auf diese Weise würden die großen und brauchbaren Vorkommen weiterhin beerntet werden können. Durch die Zusammenarbeit mit den Forstbehörden können sicher einige brauchbare Vorkommen in ein öffentlich zugängliches Register eingebracht werden.

Nachfrager – wenig hilfreiche Vorgaben
Die Situation der ausschreibenden Stellen ist aufgrund mangelhafter Regelungen und klarer Vorgaben – in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich – ebenfalls nicht einfach. Es gibt zu viele Bedingungen, die eingehalten werden müssen.

Wahrscheinlich ist jedoch, dass billige Ware nicht aus einheimischen Vorkommen stammt, da die Gestehungskosten dafür zu hoch sind. Die sauber zertifizierten und tatsächlich gebietseigenen Sortimente sind bei den üblicherweise praktizierten Ausschreibungen kaum konkurrenzfähig. Daher sollte den ausschreibenden Stellen etwas mehr Spielraum eingeräumt und der Zwang, billige Ware einkaufen zu müssen, etwas gelockert werden.

Wissenschaft – wenig Förderung trotz Bedarfs
Im Vergleich zu Wirtschaftsbaumarten sind gebietseigene Gehölze in ihrer Genetik wenig erforscht. Zwar gab es in der Vergangenheit einige Untersuchungen beispielsweise zu Acer campestre oder Prunus spinosa, aber insgesamt zu wenig belastbare Ergebnisse, um die Sinnhaftigkeit der sechs Vorkommensgebiete zu rechtfertigen. Diese sind nach Auffassung der meisten Experten aber gut gewählt und leiten sich sowohl von standörtlichen und klimatischen Bedingungen als auch von den forstlichen Herkunftsgebieten ab (Schmidt & Krause 1997).

Im Wesentlichen sollten Kriterien für die Auswahl von Ernteeinheiten und Grundlagen für ein Zulassungsregister erarbeitet werden. Auch die Erfassung und Evaluierung bekannter sowie die Neuinventur von Ernteeinheiten sollten unter Praxisbedingungen getestet werden.

Die Ausweitung genetischer Analysen als Grundlage für die Abgrenzung der Vorkommensgebiete und für den Herkunftsnachweis für bislang nicht untersuchte Gehölze wird jedoch nach wie vor als unumgänglich gesehen. Leider hat es sich in der Vergangenheit gezeigt, dass wissenschaftlich gut evaluierte Forschungsanträge von den Förderstellen mutmaßlich aufgrund von komplizierten Abwägungsprozessen langsam bearbeitet und letztlich oft nicht genehmigt wurden. Die Motivation, neue Projekte zu beantragen, ist daher deutlich zurückgegangen.


Lesen Sie den ausführlichen Artikel in Ausgabe 03/2018 Deutsche Baumschule.


Literatur:
Barsch, F. (BMU), A. Heym (BfN) & S. Nehring (BfN) (2012): Leitfaden zur Verwendung gebietseigener Gehölze www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/themen/recht/leitfaden_
gehoelze_.pdf
H.-A. Hewicker ist zweiter Vorsitzender der FfV e.V., B. Hosius und L. Leinemann betreiben gemeinsam die Fa. ISOGEN, A. Paul ist Geschäftsführer des VDF.
Fotos: Thomas Oerrel






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